Mein Unitopia 2030

Ein typischer Tag an der Uni Kassel im Jahre 2030:

Um 8h morgens klingelt mein Wecker. Ich schaue auf mein Handy: eine neue Übungsaufgabe ist in meinem Uni-Cloud Ordner hochgeladen worden. Die Uni hat eine eigene Cloud in die alle Lehrmaterialien gelegt werden. Man kann diese Cloud mit seinem Smartphone verbinden und ist so immer top aktuell informiert.
Ich stehe auf und frühstücke. Nebenbei sehe ich mir die neue Aufgabe an. Da ich eine Fragestellung nicht verstehe, öffne ich den Uni Chat. Früher gab es so etwas nur auf Seiten von Tarifanbietern wie O2: ein Chat in dem rund um die Uhr Mitarbeiter online sind und deine Fragen sofort beantworten – denn dafür werden sie bezahlt.
Heute gibt es das auch bei uns an der Uni. Jeder Fachbereich hat zwei Mitarbeiter die sich um die Fragen der Studenten kümmern. Wenn sie dir nicht sofort weiterhelfen können, vermitteln sie dir den Kontakt zu den Tutoren, die dir weiter helfen können. Allerdings sind sie zwischen 22 und 6h nicht online. Und am Wochenende gibt es verkürzte Servicezeiten. Aber damit kann man gut leben.
Meine Frage wird sofort beantwortet. Ich werde gefragt, ob meine Frage in das Forum gelegt werden darf, um auch anderen Studenten zu helfen, die sich die gleiche Frage stellen könnten.
Natürlich willige ich ein, da auch ich schon von den Fragen anderer Studenten profitiert habe.
Nach dem Frühstück gehe ich mit meinem Hund zur Uni. Heute findet das wöchentliche Treffen meiner „Seminargruppe“ statt. Eine Seminargruppe ist eine Gruppe, die zu Studienbeginn festgelegt wurde. Hier bekommen die Studenten von Ihren Mentoren Tipps fürs Studienleben und sie haben auch ein offenes Ohr für private Probleme. Die Teilnahme ist freiwillig, doch die meisten kommen gerne, denn wichtige Ideen und Probleme werden von den Mentoren direkt an das SCL weitergegeben, die diese Informationen zur Verbesserung der Studiensituation verwenden. So profitieren alle davon.
Bevor ich in unsere „Seminar-Lounge“ gehe, die statt hässlichen Tischen und unbequemen Stühlen mit Sofas und Beistelltischchen bestückt ist, spaziere ich mit meinem Hund durch die Parkanlage der Uni.
Sie wurde in den letzten Jahren von Studenten der Stadtplanung angelegt, welche auch die Pflege übernehmen. Schon lange bestand die Erkenntnis, dass der Mensch in der Natur Kraft schöpfen kann und einen Ruhepol braucht. Nun wurde diese Erkenntnis zur Verbesserung des Wohlbefindens der Studierenden und Angestellten der Universität eingesetzt.
Im Unipark stehen viele Bäume, Büsche und die schönsten Blumen blühen hier. Bänke und ein Pavillon laden zum niederlassen ein und wenn man am Ufer des kleinen Flüsschens sitzt, erlebt man eine wunderbare, wohltuende Entschleunigung.
Nach unserem Spaziergang betreten mein Hund und ich die Seminar-Lounge. Wir sind etwas zu früh, doch es sind auch schon andere Kommilitonen da, mit denen ich in eine lustige Unterhaltung führe.
Dann geht das Seminar los. Wir sprechen über unsere Kurse für das kommende Semester.
Die Studienwahl ist jetzt noch freier geworden. Früher gab es zwar auch schon Spezialisierungsmöglichkeiten, doch heute haben die Grundstudiengänge nur noch 2 Semester einen gemeinsamen Stundenplan mit den gleichen Inhalten. Ab dem dritten Semester kann man belegen, was einen interessiert. Dadurch gleicht kein Abschluss mehr dem anderen. Wobei das nicht ganz stimmt. Denn für Studierende, die sich schwer tun, sich etwas auszuwählen oder sich erst im späteren Verlauf spezialisieren möchten, gibt es Verbundsklassen, die weiterhin alles gemeinsam belegen und am Ende die gleichen Kurse absolviert haben.
Nach dem Seminar gehe ich noch mit 3 befreundeten Kommilitonen einen Kaffee trinken in unserer Cafeteria, die ausschließlich fair-trade Waren verkauft und ein großes veganes Angebot hat.
Nach 2 Stunden nettem Beisammensitzen beschließe ich mich auf den Heimweg zu machen.
Auf meinem Weg zurück komme ich am „Kindernet-Kaffee“ vorbei. Hier können Studierende mit Kind ihre Kinder zur Betreuung abgeben (so wie man das von IKEA’s Småland kennt, nur mit ausgeblideten, gut bezahlten Erziehern) und in der Zeit die Uni-Rechner mit superschnellem Internet für Uni-Zwecke oder für Privates nutzen. Außerdem bietet es Ihnen eine gute Gelegenheit um andere Studi-Eltern zu treffen.
Als ich Zuhause angekommen bin schalte ich meinen Rechner an und sehe mir in unserer Cloud eine Vorlesung an. Heutzutage gibt es Vorlesungen im klassischen Sinne nicht mehr. Stattdessen werden Lernvideos von sehr guten, ausgewählten Professoren hochgeladen. Eine Beschränkung auf nur eine Universität gibt es nicht. Man kann sich die Videos von allen Universitäten ansehen, die Ihre Lehrinhalte aufeinander abgestimmt haben. Andere Kurse gibt es nur einmal in Deutschland. Doch der eigene Standort hindert einen nicht mehr daran diese Kurse zu belegen. E-Klausuren sind der neue Standard. Für die kommenden Jahre ist eine Internationalisierung geplant, doch das ist selbst jetzt noch ein schwieriges Projekt.
Durch das VLS (Video-Lern-System) haben die Professoren mehr Zeit für Ihre Forschungen, an denen sie immer mehr Studenten teilhaben lassen. Des Weiteren betreuen sie Nachhilfe und Übungsgruppen, arbeiten an der Erstellung von Online-Tutorien und haben längere Sprechzeiten.
Ich beschließe ein Mittagsschläfchen zu halten und am Abend weiter zu machen. Meine Zeiten kann ich mir, Dank der frei ein teilbaren Lerneinheiten, selbst aussuchen und somit auf meine persönliche Konzentrationskurve eingehen. Das erfordert jedoch ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Eine Kommilitonin von mir ist auf diese freie Zeiteinteilung angewiesen. Sie muss für ihre zwei Nebenjobs, die sie braucht um über die Runden zu kommen, flexibel sein. Sie sagt, früher hätte sie sich ein Studium gar nicht leisten können.

Insgesamt hat sich viel verbessert an der Universität Kassel.
Sie ist umweltbewusster und toleranter geworden und bietet viele Freiheiten und ein gutes Betreuungsangebot. Niemand wird alleine gelassen.
Aber es gibt auch Schwierigkeiten, die es in der Zukunft zu bewältigen gilt: das Studium ist wieder sehr teuer geworden, da versucht wird so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Studierenden einzugehen. Wenn ein Serverproblem auftritt, liegt der halbe Unibetrieb lahm. Das Wertesystem mancher Professoren hat sich noch nicht vom Geltungsdrang zum vorurteilsfreien Geben gewendet. Das alles gilt es in der Zukunft in Angriff zu nehmen.
Das geht nicht allein. Doch in den letzten Jahren hat die Uni bewiesen, dass sie in der Gemeinschaft stark sein kann.
Ich bin schon gespannt auf das Jahr 2045!